Translate

Freitag, 13. März 2015

Von " Kunst bis Je suis l'art "





„Fände man so etwas zu Hause, dann würde man das wegschmeißen“, raunte mir eine Besucherin, der Ausstellung die ich gerade besuchte und selbst Künstlerin, spöttisch ins Ohr.



Gerade noch waren wir uns ob der zufälligen Begegnung erfreut in die Arme gefallen.



Nun jedoch standen wir stirnrunzelnd vor einer Glas Vitrine, den Blick ungläubig ins Innere auf ein Stück Holz oder vielleicht auch so etwas wie eine ... Art Borke ...(?) gerichtet.



Ich starrte auf das völlig unscheinbare, flache Ding, und wollte, beim schwindelnden Blick auf den Preis daneben partout nun unbedingt (doch noch) den Clou herausfinden.



Nur ... es gab (einfach) keinen!



Zumindest nicht für mich - es war, was es war.



War man also vielleicht nicht unbedingt ein Freund vom buddhistischen Ansatz - die Dinge so anzunehmen, wie sie sind - dann stand man nun schon irgendwie im Regen, wie ich fand!



Unruhig flackerte mein Blick über den ein oder anderen, weiteren „Findling“ - des grundsätzlich vielseitigen, gestandenen, und sogar mit eben dieser Ehrenausstellung gehuldigten Künstlers.



Dieser hatte einen Teil der Objekte aus besagter Vitrine tatsächlich „einfach“ nur gefunden, und weiter nicht groß verändert.



Übrigens, die Ausstellung und der Name des Künstlers tun insofern nichts zur Sache, als dass sie stellvertretend für viele andere Ausstellungen und Künstler stehen mögen - zumindest für mich.



Als mein Blick nun schließlich an drei übereinander gestapelten Holzscheiten hängen blieb, drohte dieser nun am Preisschild daneben regelrecht zu verenden!



Unweigerlich fiel mir ein Aphorismus aus meiner Schauspielschulzeit ein: "Verbrenne dein Haus, und du hast nichts!"



„Unfassbar“, murmelte ich. Dann überschlug ich den Preis auf die Anzahl der Monate, die der weltbeste Mann und ich dafür in unserer Wohnung leben könnten. Und das waren so einige. Für drei übereinander gestapelte Holzscheite.

Okay, beim genaueren Hinsehen erkannte ich – sie waren (wenigstens) lackiert.



Wow, na dann!



Aber im Ernst - geht es denn nur mir so?



Manchmal stehe ich vor dem ein oder anderen Objekt und frage mich:



Was in aller Welt sehen alle anderen, Begeisterten, was ich nicht sehe?



Des Kaisers neue Kleider?



Natürlich mag mir noch allerhand an fundiertem Kunstwissen fehlen. Mit zunehmendem Alter und Erfahrung jedoch, halte ich es tatsächlich wie folgt:



Kunst ist (für mich), was (mir) gefällt - und demnach relativ, da Geschmacksache.



Mit einigen Dingen kann ich einfach nichts anfangen.



Genau wie der Umstand, dass mir nicht alle Bücher gefallen und schon gar nicht jedes Genre, mir nicht jeder Film oder jede hochgelobte Theateraufführung etwas geben, und genauso wenig inspiriert mich jedes Interview und jeder Mensch, dem ich begegne.



Vieles ist ja auch eine Modeerscheinung. Und größtenteils, das darf man einfach nicht vergessen, geht es (auch) um den (gepushten) Namen und Marktwert. Es ist ein Geschäft. Eine Investition. Ein Garant.



Da dieser Umstand in beliebig vielen Berufssparten anzutreffen ist, fällt mir in diesem Zusammenhang ein bewusst profanes Beispiel ein. Möglicherweise kommt ihnen der Dialog ja sogar bekannt vor:



"Ich" steht mit leuchtenden Augen vor "Er", und hält ihm ein undefinierbares Kleidungsstück vor die Nase.



Ich: "Absolutes Schnäppchen, gefällt es Dir?"



„Er“ starrt auf den Klumpen Stoff.



Er (trocken): "Potthässlich!"


Ich: "Aber das ist (doch) von XY!"



Er: "Aha. Trotzdem potthässlich!!!"



Und wissen Sie was?



Der weltbeste Mann hat absolut recht!



Und wo wir schon mal dabei sind, erinnere ich mich an einen Ausspruch des Chefs vom weltbesten Mann, als beide mal zur Abwechslung und aus beruflichen Gründen, eine Kunstausstellung besuchten:



Chef (ehrlich): „Is this art or garbage?“ (Ist das Kunst oder Müll?)



Ganz so allein scheine ich also nicht zu sein, mit meinem Zweifel ... und mit den Jahren, fühle ich mich in dieser Hinsicht übrigens immer mehr wie eine Gesetzlose!



Spiegel Bestseller Liste Nr.1? - Mir doch egal! Wenn ich nichts damit anfangen kann, dann bin ich vielleicht (überhaupt) nicht zu doof, den Inhalt gebührend zu wertschätzen, sondern, möglicherweise ist es ja überhaupt nicht sooo profund und grandios gut geschrieben - zumindest nicht für mich.



Denn jeder Jeck ist eben anders, denkt da die Ex-Kölnerin in mir. Und das ist auch gut so, unterbricht die Wahl-Berlinerin sie - und hat demnach mal wieder das letzte Wort - Mist!



Den eigenen Weg zu finden, eigenen Geschmack zu entwickeln - und dann öffentlich und ungebrochen dazu zu stehen - das ist wahrlich nicht immer einfach.



Und heißt umgangssprachlich wohl auch Erwachsenwerden :-).



Mit der Meinung ist es ja auch so eine Sache. Wer eine hat, ist schon mal einen Schritt weiter. Dann geht es aber auch schon wieder los, mit den kleinen, feinen oder auch brachial eingesetzten Spitzfindigkeiten.



Denn eine Meinung zu haben bedeutet ja nicht unbedingt, dass man diese auch aussprechen mag / muss, geschweige denn aber auch, dass man andere Meinungen neben sich gelten lassen mag / muss.



Eine Theaterpremiere zum Beispiel gleicht in dieser Hinsicht einem regelrechten Schlachtfeld. Jeder Kollege wird das bestätigen können, denke ich. Man glaubt gar nicht, wie vielfältig die Möglichkeiten sind als Premierengast Lob, Missfallen, bis hin zu Verachtung auszudrücken!



Lob das von Herzen kommt, geht einem ja grandios einfach von den Lippen.



Sperrig wird’s erst, wenn der Zuschauer sich die letzten zwei Stunden bis zum Ende hindurch gequält hat.

Ein schlichtes Nicken mit „Interessant“ oder „Die Inszenierung war ja so gar nicht meins, aber dafür hast du dich ja recht wacker geschlagen ...“ ist noch völlig harmlos „codiertes“ Geschwafel.



Oder derjenige sagt gar nichts, oder nur ein „leichtfüßiges JA!“, bevor er zur Theke wankt, um Nachschub zu holen.



Und / Oder trinkt seinen Drink auf Ex, um aber auch ja nichts sagen zu müssen.



Oder ist gar schon längst gegangen.



Das sind mir übrigens „die Liebsten“, das sag ich Ihnen – die Feedback-Verheimlicher!



Zwei Satzvarianten von Feedback-Verheimlichern, mit denen Sie mich jagen können:



„Ja, natürlich habe ich es gesehen / gelesen ...



Satzende. Möglicherweise geht der Gesprächspartner sogar sofort nahtlos zu einem anderem Thema über.



Hä?



Oder



„Übrigens, ich hab es gesehen / gelesen.“



Pause.



Noch längere Pause.



„Ich“ hadert mit sich ob „Ich“, die ursprünglich ja gar nicht nach Feedback gefragt hatte, nun (sogar) auch noch nachhaken muss!?



Wieso, fragt „Ich“ sich, hat der oder diejenige das Thema dann überhaupt angeschnitten?



Ich für meinen Teil bin übrigens ein großer Fan von Feedback – egal in welche Richtung.



Halbsätze sind da eher ein Schlag ins Gesicht. Gar nicht produktiv.



Wenn Sie im Restaurant zu Abend essen, dann geben Sie doch auch ein Feedback ab, das von wohlwollenden Lob Varianten über Verbesserungsvorschläge bis hin zur Beschwerde reicht. Oder? Den Koch haben Sie vielleicht sogar noch nie persönlich gesehen.



Ein Schauspieler / Mensch, der gerade die letzten zwei Stunden sein Innerstes nach außen gekehrt oder im Zuge (irgend)einer kreativen Arbeit seine Gedanken offenbart hat - was ja auch immer einhergeht mit Mut zur eigenen Verletzlichkeit - wenn dieser Mensch nun erschöpft vor Ihnen, dem Zuschauer, Leser oder wie auch immer gearteten Konsumenten steht, hat er oder sie – egal was für ein geartetes - ehrliches Feedback verdient!



Haben Sie keine Angst. Menschen, die sich jeden Tag aufs Neue der wie auch immer gearteten Kunst des Lebens verschreiben, sind Kummer gewohnt.



Dafür nehmen sie sich aber auch („einfach“) die Freiheit, und tun was sie lieben. Wenn die Tränen wieder getrocknet und die Schultern gestrafft sind, ist die Entscheidung des Herzens immer wieder aufs Neue klar.



Kreativ zu sein ist keine bewusste Entscheidung, sondern ein Ist-Zustand.



Als Konsument Kunst verstehen zu wollen ist übrigens auch so ein schwieriger Ansatz. Natürlich gibt es gewisse Parameter, die es durchaus zu erkennen und auch zu wertschätzen gilt.



Der Rest aber schwingt in uns selbst, dem Betrachter nach. Bestenfalls verändert es sogar etwas in uns, unseren Gedanken, unserem Leben – und sei es nur für die Sekunde des Betrachtens, Lesens, Zuhörens, Empfindens, Nachdenkens oder sich (darin) Erkennens.



Der britische Street-Art-Künstler Banksy, der es trotz vielfältiger Spekulationen bis dato als Person geschafft hat anonym zu bleiben - und dessen Werke teilweise mit bis zu 100.000 Euro gehandelt werden - hat uns mit seiner Aktion im Jahr 2013 übrigens einen interessanten Spiegel vorgehalten.



Die Aktion, die im Internet auch mit einem kurzen Videoclip zusammengefasst wird, zeigt einen kleinen Verkaufsstand im Central Park, an dem ein älterer Herr die Werke des Künstlers für 60 Dollar anbietet. Trotz reger, vorbei flanierender Kundschaft, kommt der erste Verkauf erst nach 4 Stunden zustande. Eine Frau, die den Verkaufspreis dann auch noch auf die Hälfte runterhandelt. Insgesamt sind an diesem Tag rund 420 Dollar eingenommen worden, mit insgesamt 3 Kunden.



Sagt uns das etwas über Banksys Werke? Vielleicht. Aber auch nicht.



Sagt uns das etwas über uns? Definitiv ja!



Unabhängig davon, dass jeder mal klein angefangen hat, und auch Banksy ja irgendwann von jemandem entdeckt wurde, fällt mir dazu ein altes Stichwort ein:



Was nichts kostet ist nichts!



Irgendwo im Netz gab es auch mal eine Aktion zu sehen, in der einer der besten Star-Geiger unserer Zeit, Joshua Bell, auf einer 3,5 Millionen Dollar Geige, in einer stark frequentierten U-Bahn Station rund 45 Minuten eine der schwierigsten Bach-Kompositionen spielte.



Auch wenn es bei dieser, von der Washington Post in Auftrag gegebenen Aktion darum ging zu testen, wie Menschen Dinge wahrnehmen für die sie erst mal keine Zeit haben, also zum Beispiel Rush Hour oder frequentierter U-Bahnhof, ist es vielleicht aber auch ein interessantes Beispiel dafür, wie wir unterbewusst Dinge bewerten.



Bei über 1000 vorbei hastenden Menschen blieben ganze 6 an der Zahl stehen.



Den Abend zuvor hatte der Star-Geiger ein ausverkauftes Konzert in Boston gegeben.



Es geht also um so viel mehr, als "nur" um Talent.





Wenn man es sich übrigens so richtig "schön einfach machen" will, dann lebt und denkt man (als Künstler / Kreativer) einfach wie Madonna ;-).



Im Zuge ihrer „Confessions on a dancefloor“ Worldtour 2006, kam es auf einem Bonus-Mitschnitt zu einer Szene, die sich mir unwiderruflich ins Gedächtnis gebrannt hat.



Während eines Proben-Durchlaufs plaudert die Sängerin mit einem Tänzer.



Dieser erzählt nun auf Englisch, dass er sich gerne Kunst anschaut.



Daraufhin entgegnet Madonna, dass sie lieber selbst die Kunst sei.



Und schlussendlich legt sie auf Französisch noch einen nach:





"Je suis l'art!"









Schlafen Sie gut,



Ihre



Jana Hora-Goosmann







Sie haben Anregungen oder Feedback?



troetgedanken@web.de

Kommentare:

  1. Ich war so glücklich, dies zu lesen. Verkostung der Cookie, ohne zu wissen, Katie, ihre Anwesenheit spürte man. So schön. Und ich kann ganz auf eine Schnarchen Mann beziehen! Haha. Somethings sind nur universal. Auch das Gefühl, wie kurz das Leben ist und doch, wie banale Dinge können scheinen, und die Schuld, die aus Langeweile oder die Dinge für selbstverständlich kommt. Genau wie Ihr Freund in Köln, Katie bestimmt. Als sie setzen ihren Verstand, etwas nichts würde sie aufhalten! Vielen Dank für Katies Geist und spreizte ihre Liebe und Güte. Katie ist mein Cousin, ihre Mutter und meine Mutter sind Schwestern.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Thank you so much for your comment! I felt deeply touched by reading it ...

      Löschen